Ludwigsfelde war 1933 zum Zeitpunkt der Machtübertragung an die Nationalsozialisten ein Dorf mit wenigen hundert Einwohner:innen. Auch in der Region um Ludwigsfelde gab es während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeit in der Land- und Forstwirtschaft sowie vermutlich auch in weiteren mittelständischen Unternehmen am Ort. Hierzu gibt es bisher wenig Forschung. Diese Lücke wollen wir in den kommenden Jahren schließen. (Leser:innen, die hierzu eigene Erinnerungen oder Erzählungen von Zeitzeug:innen beisteuern können, sind herzlich eingeladen diese mit uns zu teilen. Dies kann über das Kontaktformular oder per Mail erfolgen. Solche Erinnerungen stellen wertvolle Recherche-Ansätze dar.)
Die großen und zumindest teilweise erforschten Zwangslagerlager in Ludwigsfelde und Umgebung stehen in Zusammenhang mit der Errichtung des Flugmotorenwerks der Daimer Benz Motoren GmbH Genshagen. Daimler Benz baute ab 1936 ein Werk in der Genshagener Heide, in welchem Flugmotoren montiert und beschädigte Flugmotoren repariert wurden. Die Ansiedlung von Daimler Benz ist somit taktgebend, sowohl für die Entwicklung der Gemeinde Ludwigsfelde, als auch für die Entwicklung des regionalen Zwangsarbeitssystems.
Die Daimler Benz Motoren GmbH Genshagen
Bereits Ende des Jahres 1933 begannen Gespräche des Reichsluftfahrtministeriums mit der Daimler Benz AG über den Aufbau von industriellen Kapazitäten für die Luftrüstung.[1] Es wurden verschiedene Standorte für die Einrichtung eines Werks für die Großfertigung von Flugzeugmotoren geprüft. Ausgewählt wurde schließlich Genshagen.
Der Standort schien aus mehreren Gründen günstig. Zum einen sollte das Gebiet außerhalb der westdeutschen Industriezentren und wegen des Luftschutzes nicht innerhalb einer Großstadt gelegen sein. Gleichzeitig musste Verkehrsinfrastruktur und eine große Zahl von Fachkräften vorhanden sein.[2]
Ersteres war mit dem Anschluss an die Eisenbahnstrecke Berlin-Wittenberg und der Nähe zum Berliner Ring gegeben. Darüber hinaus war in der Genshagener Heide günstiger Baugrund verfügbar. Die Nähe zu Berlin versprach ein großes Reservoir an Arbeitskräften und Facharbeiter:innen. Am Daimler-Benz-Standort Marienfelde gab es außerdem bereits geschultes Personal.
Für die Daimler Benz AG war die Gründung der Daimler Benz Motoren GmbH ein attraktives Geschäft. Das Stammkapital wurde zunächst nahezu vollständig von Reich getragen und seitens Daimlers mit Lizenzgebühren für die Motoren abgegolten. Die Investitionen wurden ebenfalls vom Deutschen Reich überwiegend in Form von Krediten bereitgestellt. Daimer Benz erwarb später die Anteile des Reichs zu sehr günstigen Konditionen.[3]
Wichtig für die spätere Beschäftigung von Zwangsarbeiter:innen ist: Die Daimler Benz Motoren GmbH konnte ihren Arbeits- und Fachkräftebedarf nie aus Ludwigsfelde und der unmittelbaren Umgebung heraus decken. Dazu fehlte es an Wohnraum und Infrastruktur in der ländlichen Region.[4] Daran änderten auch die Fertigstellung der kleinen Werkssiedlung entlang der Straße der Jugend, die später folgenden Siedlungen südlich der Potsdamer Straße Wohnraum oder Einrichtungen wie das Junggesellenheim in Sputendorf nichts.
Ungefähr zwei Drittel der Belegschaft kam vor Kriegsbeginn aus Berlin und pendelte über die zwei Werksbahnhöfe – Birkengrund und Genshagener Heide – sowie mit Werksbussen nach Ludwigsfelde. Die restlichen Arbeitskräfte kamen aus dem gesamten Umland, insbesondere aus den Gemeinden entlang der Eisenbahn Richtung Wittenberg.[5]
Weitere Arbeitskräfte wurden im gesamten Deutschen Reich angeworben. So finden sich Werbeanzeigen für die Arbeit bei Daimler Benz Genshagen auch in Zeitungen in den westdeutschen Industriezenten.[6]
Zwangsarbeiter:innenbeschäftigung bei Daimler Benz Genshagen
Die gewaltsame Annexionspolitik der nationalsozialistischen Regierung ermöglichte die Entwicklung des Systems massenhafter Zwangsarbeit durch den Zugriff auf ausländische Arbeitskräfte. Der verbrecherische Angriffskrieg der deutschen Wehrmacht schuf gleichzeitig die Notwendigkeit für den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeiter:innen zur Aufrechterhaltung der Produktion. Die 17,3 Millionen aktiven Soldaten der Wehrmacht, von denen 4,7 Millionen fielen, fehlten als Arbeitskräfte. Sie wurden Schritt für Schritt durch die 13,5 Millionen ausländischen Zwangsarbeiter:innen ersetzt.
In Rüstungsunternehmen wurde die Produktion insbesondere nach Scheitern des geplanten „Blitzkrieges“ massiv ausgeweitet. Ein erhöhter Bedarf an Arbeitskräften traf somit auf einen kriegsbedingten Arbeitskräftemangel. Dieser konnte auch durch den verstärkten Einsatz weiblicher Arbeitskräfte nicht annähernd kompensiert werden. Insofern korrespondierte der Kriegsverlauf mit dem Einsatz unterschiedlicher Gruppen unfreier Arbeitskräfte. Verschiedene Phasen des Kriegs bedeuteten auch verschiedene Kategorien und Herkunftsländer der Zwangsarbeiter:innen. Auch in Ludwigsfelde.
Bis kurz vor Kriegsende stieg die Zahl der Beschäftigten in Ludwigsfelde konstant an. Bereits ab 1940 wurden Kriegsgefangene und zivile ausländische Arbeitskräfte eingesetzt, deren Anteil im Kriegsverlauf rapide anstieg. Der Einsatz von KZ-Häftlingen begann hier 1942 und nahm bis Kriegsende massiv zu, sodass 1944 gut siebzig Prozent der Belegschaft aus Zwangsarbeiter:innen der unterschiedlichen Kategorien bestand.
[1] Stephanie Habet-Allhorn, Genshagen : ein Flugmotorenwerk bei Berlin 1990, S. 21.
[2] Ebenda.
[3] Barbara Hopmann (Hrsg.), Zwangsarbeit bei Daimler-Benz, Stuttgart 2017, S. 52, Habet-Allhorn, Genshagen : ein Flugmotorenwerk bei Berlin, S. 25
[4] Stephan Jegielka, Das KZ-Außenlager Genshagen : Struktur und Wahrnehmung der Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb 1944/45, Marburg 2005, S. 21.
[5] Habet-Allhorn, Genshagen : ein Flugmotorenwerk bei Berlin, S. 47.
[6] Vgl. z.B. Hakenkreuzbanner Mannheim, Ausgabe 289 vom 26.6.1938, S. 22
